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Bahias Straßenkarneval

Anders als in Rio, wo die meisten Veranstaltungen in Clubs organisiert sind und die Karnevalsschulen durch ein Stadion ziehen, findet das Spektakel in Salvador (Bahia) fast ausschließlich auf der Straße statt. Geschichtlich gesehen ist der bahianische Karneval getrennt zu betrachten, liegen seine Wurzeln eher im afrobrasilianisch Kulturkreis. Den Unterschied beider Stilrichtungen beschrieb der Dichter und Forscher Antonio Risério so: „Auf der einen Seite haben wir den „weißen Karneval“ der Salons mit Bällen in geschlossenen Clubs, wo Quadrillen und Walzer getanzt wurde. Auf der anderen Seite existiert der „Karneval der Schwarzen“, das Fest der Straße zum Samba der Batuques zwischen Muscheln und Rasseln.“

Für den bahianischen Straßenkarnevals ist Salvador der größte Schauplatz überhaupt. Seine Popularität und Beliebtheit überflügelt inzwischen den Karneval in Rio und Olinda. Seit einigen Jahren etabliert sich auch in Südbahia, in Porto Seguro und Umgebung, ein von den Großstädtern aus Minas, Rio und São Paulo geschätzter Zweig dieser Karnevalrichtung. Vom Ablauf her beginnt der Karneval den Donnerstag vor Aschermittwoch, wenn der Bürgermeister den Stadtschlüssel dem Karnevalskönig „Rei Momo“ übergibt. Die stärker der afrikanischen Tradition verbundenen Karnevalsgruppen, die „Blocos Afros und Afoxés“, eröffnen meist die Umzüge. Mit religiösen Zeremonien beginnt der Festakt in den jeweiligen Stadtteilen bevor es ins Zentrum geht. Der lokale Hauptzug zum Freitagabend nimmt dann seinen Ausgang im historischen Pelourinho-Viertel, angeführt von den 150 Trommlern der afro-brasilianischen Percussion-Gruppe „Olodum“.

Bis Aschermittwoch wird die gesamten Tage grundsätzlich durchgetanzt nach dem Rhythmus der zahlreichen, auf ungetümen Lautsprecherwagen spielenden „Trio Eléctricos“ – das  besondere Kennzeichen des bahianischen Karnevals. Ihre Anzahl währende der Umzüge geht bereits in die Hunderte. Jedes Jahr werden die Fahrzeuge größer, wattstärker und aufwendiger ausgestattet. Das erste Vehikel wurde 1950 von den zwei Musiker namens Dodô und Osmar zusammen mit dem Fahrer Aragão entwickelt. Dieses ist heute als Museumsstück in der Casa da Música am Lagoa do Abaeté zu sehen.

Brasilien_2013_MRE_Amazonas_33Der Bloco „Afro Ilê Aiyê“ war die erste afrobrasilianische Karnevalsgruppe, mit der die Reafrikanisierung des bahianischen Karnevals begann. In den folgenden Jahren wurden eine Reihe weiterer „Blocos Afros und Afoxés“ gegründet. Jede Gruppe entwickelte ihren eigenen Stil – musikalisch, politisch, kulturell. Hintergrund der Gründung war die Zurückeroberung der Rechte der Schwarzen gegenüber den dominierenden Weißen. Die Männer und Frauen besannen sich auf ihre afrikanische Herkunft. Sie tauschen die Jeans mit der weiten afrikanischen Bata und die Kraushaare wurden zu kunstvollen, mit Muscheln geschmückten Zopffrisuren geflochten. Von Anfang an war den Weissen die Mitgliedschaft bei Ilê verwehrt. Am Morgen des Aschermittwoch versammeln sich die größten Karnevalsgruppen mit den bekannten Stars auf der Praça Castro Alves zum gemeinsamen Abschlusskonzert. Eine Woche nach Karnevalsende wird in Arembepe, 50km nördlich von Salvador, bei einer Lavagem noch einmal kräftig gefeiert. Erst dann wird das Leben in Bahia ruhiger.