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Tanztraditionen

Brasilien ist vielleicht das musikbesessenste Land der Welt. Für viele Brasilianer kommt Musik aus der Erde. Fast überall und ständig ist man mit Klängen und Rhythmen der verschiedensten Stilrichtungen konfrontiert. Musik gehört hier zum Lebensgefühl, zur Lebenskunst. Die brasilianische Musik ist perkussiv, weil die Rhythmusinstrumente billiger sind als Melodieninstrumente. Außerdem ist die Natur, in der die Menschen leben, der Ursprung aller ursprünglichen Melodien. Musiker werden in Brasilien nicht nach ihren technischen Fähigkeiten beurteilt. Die gute Beherrschung eines Instruments, einer Stimme wird registriert, aber nicht hoch bewertet – sie wird eher vorausgesetzt. Am Musiker interessiert die Persönlichkeit, das, was er von sich in seine Musik gibt. Und so ist es auch beim Tanzen.

Eine ganze Reihe von Schaustellungen und Tänzen aus den verschiedenen Kulturkreisen haben in Brasilien ihre Form gefunden. Eines der schönsten dramatischen Spiele in lockerer Szenenfolge ist der „Bumba meu Boi“, ein weit verbreitetes Tanz- und Gesangspiel. Eine weitere traditionelle Art des Tanzes sind Ranchos; allegorisch-folkloristische Tanz- und Gesangsvorführungen, die ursprünglich zu den Volksspielen der Weihnachts- und Nachweihnachtszeit gehörten. Daraus entwickelten sich die ersten, einfachen Formationen des Karnevals in Rio mit seinen Samba-Schulen.

Die Samba mit ihren verführerischen Rhythmen ist der beliebteste Tanz in Brasilien. Ihre Musik bestimmt nicht nur zur Karnevalszeit das Leben der Bevölkerung. Ihr genauer Ursprung ist unbekannt. Manche nehmen an, die Samba sei auf den Straßen von Rio entstanden; und zwar aus einer Verschmelzung dreier kultureller Elemente – dem portugiesischen Hofgesang, den afrikanischen Rhythmen und den Elementen des indigenen Kulturkreises. Andere dagegen führen ihren Ursprung auf den afro-brasilianischen „Batuque“ zurück, der nur von Perkussionsinstrumenten ausgeführt wird.

Handgemachte brasilianische Musik

Zu einem der ersten internationalen Erfolge gehört die Tanzbewegung des Bossa Nova Mitte der sechziger Jahres. Der damals überall gespielte Hit war das von lyrischer Eindringlichkeit und reicher Melodik getragene „The girl from Ipanema“. Dieses Lied weckte weltweit Interesse an brasilianischer Musik und machte den Poeten und Textdichter Vinicius de Moraes (1913-1980), vor allem aber den Komponisten Tom Jobim (1927-1994), dessen musikalischen Werdegang Hans-Joachim Koellreuter beeinflusst hatte, mit einem Schlag berühmt. Noch heute bringt der Bossa Nova in und außerhalb Brasiliens ganze Generationen neuer Interpreten hervor, die auf den Spuren „klassischer“ Vorbilder wie Stan Getz, Frank Sinatra, João und Astrud Gilberto wandeln.

Grundsätzlich gibt es in Brasilien zahlreiche Musik- und Tanzstile. Im nordöstlichen Landesteil entstand der weit geliebte „Forró“, in dem sich Akkordeon, Flöte, Gitarre und Schlaginstrumente zu einem Volkstanz verbinden. Dieser wird vom Fusstampfen begleitet. Ebenfalls akrobatische Züge braucht es beim „Frevo“ mit seinen synkopisch-akzentuierten Rhythmen. Wegen der hohen Spagatsprünge verlangt er eine gute Körperbeherrschung von den Tänzern. In Rio ist der „Chorinho“ weit verbreitet, eine zärtliche Instrumentalmusik, gespielt vom „Cavaquinho“, Flöten und Schlaginstrumenten aller Art; und gelegentlich verstärkt durch Klarinette oder Saxophon.