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Brasilien nach der WM – eine kritische Bilanz

Brasilien hat gezeigt, dass es sportliche Großereignisse sehr gut bewältigen und organisieren kann, und das befürchtete Chaos von überfüllten Terminals und unkontrollierbarer Gewalt blieb aus. Das zeigt, dass die Lust zur Improvisation zuweilen mehr hilft als das Muss nach Perfektion. Dieses urbrasilianische Talent, genannt jeitinho, zur Überwindung von Engpässen, würde man sich für den ein oder anderen Deutschen wünschen.

Das Turnier glich einem verlängertem Karneval und die Brasilianer bestätigten einmal mehr ihren Ruf, gut und gerne zu feiern. Es ist bekannt, dass sie prinzipiell umwerfend freundlich und aufgeschlossen sind, was jeden ihrer Gäste begeistert und mitreist. Tudo bem – alles gut!

Wirklich tudo bem?

Nicht alle neugebauten Fußballstadien werden eine Weiterverwendung finden

Vor der WM war die Sorge vor Protesten groß. Die Brasilianer schienen keine Lust auf ein Turnier zu haben, das von korrupten Funktionären sowie unfertigen, teuren und überflüssigen Stadien begleitet wird. Doch dann begann das rauschende Fußball-Fest und die gelb-grünen leuchtenden Trikots wurden zu einem Symbol von Lebensfreude und Leichtigkeit, und überdeckten alles Negative für einen Monat lang – zumindest nach Außen.

Für die meisten Gäste bot Brasilien das (Reise)Bild schlechthin: von der Schönheit der Landschaften, über Kokosnuss und Caipirinha am Strand, bis hin zu traumhaften Sonnenuntergängen am Zuckerhut in Rio de Janeiro. Diese Mischung aus atemberaubender Naturschönheit, faszinierenden Metropolen und aufgeschlossener Lebensfreude macht Brasilien zu einem Sehnsuchtsort.

Euphorie und Staatsgewalt verdrängten die eigentlichen Probleme

Andererseits wachten tausende Polizisten und Soldaten über das Spektakel. Der martialische Auftritt und die massive Überwachung unterdrückten jeglichen Protest der Bevölkerung.

Brasiliens Sicherheitsapparat ist immer noch ein Erbe der Diktatur, die 1985 ihr Ende fand. Doch in kaum einem anderen Land schießt die Polizei schneller bevorzugt auf junge, arme und dunkelhäutige Männer – diese gelten im Zweifel als Drogenhändler oder einfach nur als verdächtig.

Allerdings sind solche „Unglücksfälle“ weniger wichtig als der gebrochene Lendenwirbel des Fußballstars Neymar. Auffällig war auch, dass man auf den Rängen vornehmlich hellhäutige Zuschauer sitzen sah – dabei ist die Mehrheit der Brasilianer farbig.

In den schicken Arenen war die WM ein bezahlbares Vergnügen lediglich für die Mittelschicht, Elite und Gäste, obwohl Brasiliens Fußball ein Volkssport ist – doch dem wird damit die Seele geraubt.

Ein Beispiel ist das renovierte Estádio do Maracanã, das bis zu seinem milliardenschweren Umbau ein billiger Treffpunkt für Arm und Reich gewesen ist, um dem jogo bonito, dem schönen Spiel, zu frönen – gleich welche Hautfarbe, gleich welcher gesellschaftliche und soziale Hintergrund.

Was bleibt nach der WM 2014 für Brasilien?

Nach einem Monat feierlichen Ausnahmezustands stellt sich nun für 200 Millionen Brasilianer die Frage: Was hat uns diese WM gebracht? Die Probleme des Landes hat sie jedenfalls nicht gelöst und was bleibt ist eine immense Rechnung für Fußball-Tempel, die nach Vorgaben des Weltfußballverbands FIFA mit modernster Ausstattung errichtet wurden.

Sie stehen nun als Monumente für die Verschwendung, mit der diese WM zum bisher teuersten Turnier der Geschichte wurde. Mehr als 10 Milliarden Euro hat sich Brasilien Schätzungen zufolge die WM kosten lassen und sie war damit teurer als die beiden vorherigen in Südafrika und Deutschland zusammen.

Die finanziellen Großverdiener der WM 2014 sind die FIFA, mit einem erwarteten Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe, und der Hauptsponsor Adidas, der rund 2 Milliarden Euro aus dem Verkauf von Trikots, Fußballschuhen und Fußbällen einkalkuliert hat.

Was Brasilien bleibt sind moderne Arenen, die wie Raumschiffe inmitten von Favelas in Recife oder Fortaleza stehen – größer könnte der Kontrast nicht sein. Die Zukunft vieler Stadien ist ungeklärt und es ist fraglich, ob sie die enormen Kosten jemals nur ansatzweise einspielen werden. Denn in Brasília, Manaus, Cuiabá und Natal werden sie kaum mehr gebraucht, da es dort keine Erstligaclubs gibt, welche die Arenen übernehmen und weiterführen könnten.

Die Rechnung für das Fußballfest bezahlt ganz Brasilien: die 12 WM-Stadien wurden nicht, wie zunächst versprochen, privat finanziert, sondern über staatliche Kreditinstitute. Damit machten Baufirmen große Geschäfte und die Korruption tat ihr Übriges.

Sehenswerte Fußballdoku zur WM-Kritik in Brasilien

Die sehenswerte Dokumentation „Domínio Publico“ gibt die Situation in den Favelas von Rio de Janeiro und von den Demonstrationen im Zuge der WM unverblümt wieder. Es wurden Menschen interviewt – vom Favelabewohner, über den bekannten brasilianischen Journalisten Juca Kfouri bis hin zu Romario, dem Weltmeister von 1994, der jetzt Politiker ist – und viel interessantes Material gesammelt.

Der Film gibt einen aufschlussreichen Einblick in die Favela-Problematiken, wie die Befriedung/Pazifizierung der Armenviertel und die Vertreibungen von Anwohnern, und dokumentiert auch die Protestbewegung von Anfang an.

Die großen Proteste vergangenes Jahr, bei denen rund 2 Millionen Brasilianer, gegen Polizeigewalt, steigende Preise, Korruption und Zwangsumsiedlungen demonstrierten, haben sich während des Turniers aufgrund von Euphorie und enormen Sicherheitsvorkehrungen verflüchtigt – oder sie wurden einfach von der Presse nicht mehr aufgegriffen.

Doch es gab sie, wenn auch nur klein und kurz. Und wenn nun in Brasilien wieder der Alltag einkehrt, werden die harten Tatsachen, wie Geld für öffentliche Krankenhäuser und Schulen, eine bessere Infrastruktur und mehr Sicherheit, wieder in den Vordergrund rücken.

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